Schinkelkirche zu Wuthenow

Die Schinkelkirche

Bauzeit 1836/37:

Karl Friedrich Schinkel, geboren in Neuruppin am 13. März 1781

Nach einem Entwurf der Oberbaudeputation in Berlin, deren Direktor Karl-Friedrich Schinkel war, wurde der Bau in der Zeit vom 2. Mai 1836 bis zum 4. November 1837 fertiggestellt unter der Bauleitung von Baukondukteur Friedrich Wilhelm Eduard Jacobi. Inzwischen gilt als gesichert, dass der Entwurf der Kirche als klassizistischer Putzbau von Karl-Friedrich Schinkel selbst stammt. Anders als bei den früheren Kirchen verzichtete man auf die Ost-West-Richtung und erbaute die Kirche parallel zur Dorfstraße. Der Bau der Kirche kostete 3.977 Taler, der des Turmes 3.339 Taler. Während der Bauzeit fanden die Fest- und Abendmahlsgottesdienste in der Kirche zu Nietwerder, alle anderen in der Schule (von der Straße aus gesehen das kleine Gebäude rechts vor der Kirche; vgl. Lageplan) statt. Die Beendigung der Bauarbeiten wurde am 4. November 1837 berichtet.

Bauskizzen:

Bauskizze der Fassade und Innenansicht, oben in der Mitte der LageplanFassade und InnenansichtBauskizze des Innenraums - ErdgeschossInnenraum - ErdgeschossBauskizze des Innenraums - EmporeInnenraum - Empore

Eine vergrößerte Darstellung finden Sie auf der Seite Bauskizzen der Schinkelkirche zu Wuthenow

Beschreibung:

Im Lagerbuch von 1871 wird die Kirche in einer der ältesten Beschreibungen folgendermaßen dargestellt:

Die Kirche liegt in der Mitte des Dorfes an der Nordostseite hinter dem Küsterhause. Sie ist 68 Fuß lang, wovon 13½ auf den Thurm und 54½ auf das Schiff der Kirche kommen; 41½ tief, ein regelmäßiges Oblongum, durchweg massiv und sehr solide gebaut. Bis zum Dach ist sie 21 Fuß hoch, während der Thurm eine Höhe von 67 Fuß hat und außerdem oben mit einem vergoldeten Kreuz geschmückt ist; drei andere vergoldete Kreuze stehen oben auf dem Thurmseitenbau und auf dem Kirchendach am Ostgiebel. Thurm= und Kirchendach sind mit Ziegeln gedeckt, sämtliche Gesimse durch Zinkplatten geschützt. Die Kirche ist rosa gefärbt und macht in ihrer ganzen Gestalt und Beschaffenheit einen sehr freundlichen Eindruck.
Die Kirche ist in den Jahren 1836 u. 37 mit einem Kostenaufwand von 7316 T. 12 Gr. 5 Pf. von Grund auf neuerbaut.

Einweihung:

Am 17. Dezember 1837 vormittags um 11 Uhr wurde der Neubau von Superintendent Johann Gottlieb Schroener eingeweiht:

[…] Am 17. Dezember 1837, am dritten Adventssonntag, weiht Superintendent Schroener die neue, im Inneren vorherrschend weiß lackierte, an der Kanzelwand blaßgraugrün und goldgelb abgesetzte, an den Trägern, Balken und Emporenbrüstungen lichtbraun gestrichene und mit Immergrün geschmückte Kirche ein.

In einer feierlichen Procession, der Küster mit dem vergoldeten köstlich strahlenden Kruzifix voran, die Kirchenvorsteher mit den zwei ausgezeichnet schönen Altarleuchtern … wir drei Prediger, ich mit den heiligen Urkunden unseres Glaubens in der Hand … dann die Behörden mit den Baumeistern, zuletzt die Gemeine … gingen … unter dem Geläute der Glocken nach der bis dahin verschloßen gebliebenen Kirche. Vierzig Chorsänger und vier Hauptboisten des 24. Regiments aus Neuruppin waren mehr als ein Ersatz für die noch fehlende Orgel. Die Einweihung machte einen sichtbar tiefen Eindruck auf die Anwesenden, schreibt Superintendent Schroener und schließt seinen Bericht an die Regierung mit dem gehorsamsten Dank von Pfarrer und Gemeinde für diese neue Kirche, die im weiten Umfange die schönste der Kirchen auf dem Lande ist. […]

Turm und Glocken:

Turmgiebel mit Eingängen

Die Kirche hat einen ca. 19,30 Meter hohen Hauptturm und 2 Seitentürme mit den darin befindlichen Glockenkammern.

Der Hauptturm beinhaltet die Kirchturmuhr, die etwa um 1910 eingebaut wurde.

In der nördlichen Glockenkammer befindet sich die große Glocke, in der südlichen, der Straße zugewandten Glockenkammer befinden sich die beiden kleineren Glocken.

Große Glocke in der nördlichen Glockenkammer

Die große Glocke hatte ursprünglich ein Gewicht von 436 kg und einen Randdurchmesser von 92 cm. Sie wurde 1818 von W. Thiele aus Berlin gegossen. Im 1. Weltkrieg, im September 1917, musste sie abgeliefert werden und wurde wahrscheinlich eingeschmolzen. 1927 wurde sie durch eine gusseiserne Glocke mit einem Durchmesser von 1,37 m und einem Gewicht von einer Tonne 650 kg im Ton G ersetzt.

Kleine Glocke in der südlichen Glockenkammer

Der kleinen Glocke, die einen Durchmesser von 50 cm besaß, war das gleiche Schicksal beschieden. Sie wurde durch eine 1921 von der Firma Lauchhammer aus Torgau gefertigte Glocke ersetzt. Das Gewicht dieser Glocke beträgt 720 kg und sie hat einen Durchmesser von 1,20 m. Ihr Ton ist der Kammerton A.

Mittlere Glocke in der südlichen Glockenkammer

Nur die wohl noch aus dem 13. Jahrhundert stammende mittlere Glocke konnte durch den Denkmalswart gerettet werden. Auf ihr, der damit ältesten, befindet sich eine unverständliche Buchstabenfolge in Unzialschrift (darunter einige fremdartigen Charakters), die bis heute nicht enträtselt werden konnte. Vielleicht bedeuten einige der Zeichen "Jesus" und die Zahl "1204" (nach Pfarrer Fischer). Ihr Durchmesser beträgt 77 cm, ihr Ton ist der Kammerton B.

rätselhafte Glockeninschrift

Bis 1960 wurden die Glocken von Hand geläutet, Anfang 1961 wurde eine Läutemaschine "Gloria" der gleichnamigen PGH aus Bad Wilsnack eingebaut. Diese tat ihren Dienst bis Karfreitag 2009. Anfang 2010 baute die Firma Glocken Bittner, Berlin, daraufhin eine neue mikroprozessorgesteurte Läutemaschine ein. Nur die große Glocke wird geläutet, bei den kleineren sind die Klöppel herausgebrochen.

Seit Ostern 2010 läutet die große Glocke jeden Tag um 18:00 Uhr den Abend ein.

Fontane beschreibt eine Läuteordnung in Schach von Wuthenow

Kirchenschiff:

Kirchenschiff aus dem Gemeinderaum gesehen

Der helle Kirchenraum mit seiner Anordnung von Altar, Taufe und Kanzel entspricht dem Verständnis Schinkels, wonach Predigt, Liturgie und Sakrament gleichgewichtig sind. Beim Betreten des Kirchenraumes fällt der Blick auf den erhöhten Altar, der nur aus einer Mensa (Tisch) auf ziemlich hohen Podest besteht. Gleichzeitig fällt der schlichte Stil der halbrunden, in Weiß und Gold gehaltenen Kanzel auf.

Prospectus …:

Prospectus Rupinensis ac Wuthenowiensis

Links vom Altar hängt das von Heinrich Crüger auf Leinwand in Öl gemalte Bild von 1694 "Prospectus Ruppinensis ac Wuthenowiensis". Es zeigt rechts am Rande des Ruppiner Sees Neuruppin mit seinen Stadtmauern und Türmen, links Wuthenow. Ausführlich wird es von Theodor Fontane beschrieben in seinen "Wanderungen durch die Mark Brandenburg".

Ursprünglich hing das 192 cm breite und 67 cm hohe Bild in der Vorhalle. Es wurde 1855 erstmals restauriert. Ein zweites Mal wurde es 1981 vom Restaurator Hauswaldt, Berlin, und seiner Mitarbeiterin Cornelia Meißner restauriert. Danach wurde es ins Kirchenschiff gehängt. Die Finanzierung erfolgte durch eine Spenderin.

weitere Bilder:

Christus mit der WeltkugelMartin Luther, von C. Wernecke (1837)

Links im Altarraum befindet sich das Gemälde "Christus mit der Weltkugel" und den Worten aus Joh. 14,6 VIA, VERITAS, VITA, wahrscheinlich Ende des 17. Jahrhunderts (eventuell von Heinrich Krüger?) mit dem Namen der Stifter. Das Bild wurde 1857 restauriert.

Auch rechts im Altarraum hängt ein Ölgemälde, Martin Luther darstellend von C. Wernecke (1837).

Im Gemeinderaum hängt ein Christusbildnis des Malers Walter Mohring aus Rudolfstadt von 1935.

Christusbildnis im Gemeinderaum

Lütkemüller-Orgel:

F. H. Lütkemüller in Wittstock 1856Blick in die Orgel

Auf der Empore am Glockenturm über dem heutigen Gemeinderaum befindet sich die von Friedrich Hermann Lütkemüller, Wittstock, 1856 gebaute Orgel. Von ihm stammt auch die Disposition mit 6 klingenden Spielen: Principal 8 Fuß, Salicional 8 Fuß, Octave 2 Fuß, Flöte 4 Fuß, Gedackt 8 Fuß, Prästant 4 Fuß. Die Orgel hat ein Manual mit angehängtem Pedal. Der Königliche Musikdirektor Möhring, Neuruppin, bemängelt in seinem Gutachten vom 4.1.1857 (dem Tag der Aufstellung), dass im Pedal ein selbständiger Tubbaß fehlt. Der Kaufpreis für die Orgel betrug 400 Taler. Die Prospektpfeifen wurden im 1. Weltkrieg eingeschmolzen. Ein neuer Prospekt wurde im August 1921 von Orgelbaumeister Hoffmann, Neuruppin, eingebaut. 1980 wurde die Orgel von der Firma Fahlberg, Eberswalde, überholt.

Lütkemüller-Orgel, darunter der Gemeinderaum

Die Orgel verfügt noch über einen Blasebalg mit Fußantrieb. Die "Calcantenglocke" muss den Balgentreter gelegentlich daran erinnern, rechtzeitig für Luft zu sorgen. Seit 2006 kann der Organist aber auch ein zusätzlich installiertes elektrisch betriebenes Gebläse nutzen.

Gemeinderaum und weitere Umbauten:

Christenlehreraum

Unter der Orgelempore wurde ein Teil des Kirchenschiffs als Gemeinderaum abgeteilt und am Sonntag Judika, 8. März 1956, erstmals zum Gottesdienst genutzt.

Im nördlichen Emporenaufgang wurde im gleichen Jahr ein Zimmer für Unterrichtszwecke eingebaut. Beide Räume sind beheizbar. Im dadurch leerstehenden unteren Teil des Aufgangs wurde später eine Toilette eingebaut, die direkt von der Eingangshalle erreichbar ist. Ebenfalls 1956 wurde die elektrische Beleuchtung installiert. In den 60er Jahren wurde der Innenraum renoviert, Anfang der 70er Jahre wurde das Dach der Kirche neugedeckt, 1986/87 wurde die Außenfassade erneuert. 2001 wurde neben der Toilette im nördlichen Emporenaufgang eine kleine Teeküche eingebaut. Damit ist die Kirche an die Bedürfnisse der Gemeinde angepasst worden.

Seit 2000 sammelt die Gemeinde für ein neues Dach.

nördliche Glockenkammersüdliche GlockenkammerHauptturm mit UhrKirchenschiffAufgang zur Empore und zum TurmEingang zum Kirchenschiff und zum Gemeinderaumehemaliger 2ter Emporenaufgang, Umbau zur Toilette und Teekücheehemaliger 2ter Emporenaufgang, jetzt Christenlehreraum Eingang zum ChristenlehreraumTür zum TreppenhausGemeinderaum unter der OrgelemporeDie von F.H. Lütkemüller gebaute OrgelDie Organistin auf der einen Seite der OrgelDer Calcant (Kalkant) auf der anderen Seite der Orgel. Als Calcant (vom lateinischen calcare: treten) wird der Balgentreter (Bälgetreter) an der Orgel bezeichnet. Durch Niedertreten des Hebels eines Blasebalges bewirkt er den zur Erzeugung der Orgeltöne benötigten kontinuierlichen Luftstrom.